Wenn Heilung durch Berührung geschieht: Diese Episode zelebriert das langsame, intensive Erwachen der Lust in einer fremden Kultur. Wer auf Stranger-to-Lovers-Tropes, Foreign-Affairs und die tiefe Intimität von künstlerischen Settings steht, wird von diesem sinnlichen Audio-Abenteuer begeistert sein. Tauche ein in die Atmosphäre Japans, wo zarte Küsse und kunstvolle Hingabe eine völlig neue Sprache der Begierde sprechen.
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Ich dachte immer, der Tag, an dem ich endlich in Japan ankomme, wäre der schönste Tag in meinem Leben.
Aber ich fühle mich einfach nur elend.
Was ja auch Sinn macht, schließlich bin ich seit 25 Stunden unterwegs, nach einem furchtbaren Zwischenstopp in Dubai.
Ich bin einfach nur froh, endlich anzukommen und…
“Aua!”
Mein Arm zuckt zurück, als meine Tasche hängen bleibt. Das ist der letzte Tropfen, der das Fass an diesem endlosen Tag zum Überlaufen bringt.
Zu allem Überfluss schießen mir auch noch die Tränen in die Augen, ohne dass ich etwas dagegen tun kann.
So hatte ich mir diesen Moment nicht vorgestellt. Aber… Es ist okay. Es ist okay zu weinen, ich werde sowieso keinen dieser Menschen jemals wiedersehen.
Alles ist überwältigend. Tokio ist gleichzeitig lauter und leiser als erwartet. Von überall her kommen unterschiedliche Düfte. Diese Stadt hat eine Leuchtkraft, die zugleich wunderschön und ungewohnt ist. Es ist einfach alles… viel.
Und das ist in Ordnung. Ich muss weitermachen, ein Schritt nach dem anderen. Bald ist dieser Tag vorbei. Und morgen ist ein noch unbeschriebenes Blatt voller Möglichkeiten sowie –
“Uff!”
“Oh!”
Als ich mit jemandem am Fuß der Treppe zusammen stoße - wer bleibt denn genau da einfach stehen? – fällt mir meine Sonnenbrille klappernd zu Boden und zerbricht. Der Tag muss verflucht sein. Ich kann nicht mehr…
(leise, ohne sie wirklich anzusehen) “Sumimasen.“
“Hey, pass doch auf.“
“Oh, du sprichst deutsch? Entschuldigung, tut mir…“
“Pass auf, wo du hinläufst.”
Schon während ich die Worte ausspreche, weiß ich nicht, warum ich mich so verhalte. Es ist gar nicht meine Art, aber ich kann mich einfach nicht beherrschen.
Mein Rucksack, der nur über einer Schulter hängt, rutscht nach vorn, als ich mich aufrichte. Er streckt mir den Arm entgegen, um mich zu stützen. Seine Berührung prickelt auf meiner Haut, als er meinen Gepäckanhänger umdreht und ihn schnell überfliegt.
“Sieht so aus, als hättest du alle Hände voll zu tun… Chiara, nicht wahr? Ich bin Alex.”
Ich nicke kurz, ignoriere seine ausgestreckte Hand und will mich gerade abwenden, als er nach meinem Koffer greift.
“Kann ich dir mit dem Koffer helfen? Diese Treppe ist-“
“Danke, aber nein Danke. Ich komme allein zurecht.“
Eigentlich versuche ich, ihn gar nicht wahrzunehmen, weil er verdammt gut aussieht und nett ist, während ich mich gerade mal so aufrecht halten kann.
(ruft ihr nach, aber nicht sehr laut) “Willkommen in Tokio!“
Schon beim Weggehen weiß ich, dass ich meine Reaktion bereuen werde… Aber ehrlich gesagt, bin ich einfach nur froh, dass ich mich überhaupt irgendwie verhalten kann.
Als ich oben ankomme und mich auf der Shibuya-Kreuzung wiederfinde, habe ich bereits alles vergessen.
Die hellen Neonlichter sind bezaubernd und überwältigend, so intensiv, dass sie kaum real wirken.
Die Menschen bewegen sich in Massen mit einer stillen Konzentration, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Ich beobachte das Gewusel, ohne es wirklich wahrzunehmen, ich lasse die Eindrücke Japans einfach so auf mich wirken, versuche sie abzuspeichern. Wie oft habe ich von diesem Ort geträumt? Habe ich es mir so vorgestellt?
So laut und bunt? Nein, es sprengt meine Vorstellungskraft, es ist ganz anders als alles, was ich gewohnt bin. Hier herrscht kein Tumult aus Autohupen und stockendem Verkehr, sondern das geschäftige Treiben einer Stadt, in der alles perfekt aufeinander abgestimmt ist - effizient und dennoch schön. Lichter verschmelzen nahtlos mit der klaren Architektur der Hochhäuser und dem fließenden Rhythmus einer perfekt rotierenden Menschenmenge … Alles hat seinen Platz und seinen Sinn.
Der Duft von frischem Essen, kräftiger Brühe mit einem berauschenden, herben Unterton von … irgendetwas … lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich, als sich rechts neben mir eine Tür öffnet. Und es reißt mich aus meinem Staunen darüber, dass ich tatsächlich hier bin.
Ich kann nicht fassen, dass das hier passiert.
Es ist alles, was ich mir erhofft habe und dennoch… …bleiben Zweifel. Ich hoffe, dass ich meinen Träumen auch gerecht werden kann.
Nach ein paar Stunden Schlaf und einer Dusche in meinem süßen Airbnb wirken die hellen, geschäftigen Straßen Tokios, noch immer genauso magisch wie bei meiner Ankunft…
Ich kann kaum glauben, dass das erst sechs Stunden her ist.
Das beständige Summen der Möglichkeiten, das in der Luft liegt, lässt mich lebendiger fühlen und … und … Ach, ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll.
Ich weiß nur, dass es mich daran erinnert, dass ich lebe. Etwas, das ich in den letzten Monaten und Jahren vergessen habe, weil mich mein Job völlig vereinnahmt hat.
Eine Welle der Melancholie überkommt mich, mein Körper wird plötzlich ganz träge. Ich gehe langsamer und muss mich daran erinnern, was mich hierher geführt hat.
Meinen Job zu verlieren war schon schwer genug, aber die Erkenntnis, dass ich irgendwann alles, was mich ausmacht, mit meiner Arbeit verknüpft habe, bis alles zu einem einzigen verworrenen Knäuel geworden ist … das ist die größte Last.
Denn bis zu dem Moment, als ich heute aus der U-Bahn stieg, war ich, glaube ich, nicht präsent genug in meinem eigenen Leben, um meine Überforderung überhaupt wahrzunehmen … geschweige denn traurig darüber zu sein.
Außer natürlich beim letzten Mal, als ich überwältigt war und geweint habe. Denn das genauist der Grund, warum ich hier gelandet bin.
Die Straßen um mich herum leeren sich langsam, als ich in eine kleinere, aber immer noch von flimmernden Leuchtstoffröhren erhellte Seitenstraße einbiege.
Hier sind alle Schilder auf Japanisch; die englischen Werbeplakate für Touristen habe ich wohl hinter mir gelassen, während ich in Gedanken versunken war.
Es ist hier etwas ruhiger, beschaulicher, die kühle Nachtluft ist erfüllt vom Duft der offen stehenden Restauranttüren.
Mein Körper scheint die Vertrautheit der Düfte wahrzunehmen, und mein Magen erinnert mich daran, dass ich, obwohl es in Japan mitten in der Nacht ist, heute kaum etwas gegessen habe.
Der unverwechselbare Duft von Ramen-Brühe lockt mich wie ein Sirenengesang, also folge ich meiner Nase bis zu der Quelle des Duftes: einer kleinen Tür, die von Neon-Reklame bekannter, aber noch nie probierter Biermarken erleuchtet wird.
Ein Gefühl von Geborgenheit empfängt mich wie eine Umarmung, als ich den Raum betrete: Lederbarhocker und lackierte Holztheken, das Klirren von Gläsern, wenn Getränke abgestellt werden, und das Lachen von Fremden, die hereinkommen und nach Gesellschaft suchen.
Ich war noch nie an diesem Ort, aber das Schild an der Tür verrät mir, dass es ein Izakaya ist. Die vertraute Kneipenatmosphäre lässt mich sofort wie zu Hause fühlen.
“Irasshaimase!”
Ein Mann in der Nähe der Küche lächelt mir freundlich zu und deutet mit einem Nicken in Richtung des kleinen Raums. Ich suche mir einen Platz an der Bar mit Blick auf die Straße.
Die Bedienung kommt mit der Speisekarte in der Hand zu mir.
(leise, sanft) “Lass dir Zeit.”
Ich lächle ihm zu, wundere mich, woran er erkannt hat, dass ich kein Japanisch spreche. Dann schaue ich in die Speisekarte. Sie ist auf Japanisch, aber- AHA! Ziemlich weit unten gibt es eine englische Option und einen QR Code. Ich ziehe mein Handy heraus und scanne ihn dankbar ein.
Alles sieht soo lecker aus, es ist verdammt hart, sich für eine Sache zu entscheiden.
Aber heute will ich erstmal etwas essen, das ich kenne und mag. Nicht zu viel Komfort, aber auch nicht zu viel Abenteuer.
Die Geräusche und Gerüche - selbst so weit weg von zu Hause - nehmen mir meine Unruhe. Ich entspanne mich, während ich die Leute beobachte und auf meine Ramen warte.
Meine Aufmerksamkeit wird wie von selbst auf eine Stimme an der Bar gelenkt. Eine volle, warme Stimme, die wie eine Melodie durch das kleine Izakaya hallt.
Ich wende mich der Stimme zu, fühle mich plötzlich angezogen von diesem fremden Menschen, der in diesem winzigen, ruhigen Eckkneipe mit dem Mitarbeiter hinter der Theke spricht.
(überrascht) Es ist … der Barkeeper, der Getränke auf den Tisch rechts von mir abstellt. Als er bemerkt, dass ich ihn beobachte, schenkt er mir ein kleines Lächeln. Dann wendet er sich mir zu.
(leise, höflich) “Ist alles in Ordnung?“
(lächelt, erleichtert, dass jemand spricht) “Ja, danke.“
(etwas neckisch, sie ist nervös, aber freut sich, mit jemandem zu sprechen) “In so eine Bar oder in Tokio?“
(amüsiert) “Beides, nehme ich an.”
“Ja, beides. Ich bin heute erst angekommen. Ich konnte nicht schlafen, und bin hier reingestolpert.”
“Was für eine Ehre! Hast du schon bestellt?”
“Ja, danke. Der QR-Code ist eine tolle Idee, bestimmt sind viele Gäste hier Touristen.“
(freundlich und zuvorkommend) “Mhm, ja schon einige. Ich bin auf jeden Fall froh, dass es dich hierher gezogen hat. Schließlich müssen wir dich in Japan gebührend willkommen heißen.“
(leise) “Oh, danke … Ehm, duomo?”
Ich bin von seiner Gastfreundschaft angetan, aber auch hin- und hergerissen zwischen dem Drang, zu viel zu erzählen, und dem Bedürfnis, für mich zu bleiben. Er hingegen lächelt mich einfach nur an, bevor er sich zum Gehen wendet.
(leises Lachen) “Ja, domo. Und domo auch dir. Ich bringe dir gleich dein Essen.”
Er verbeugt sich leicht und bahnt sich seinen Weg durch den kleinen Raum, bis er in der Küche verschwindet. Während er geht, spüre ich, wie sich ein Gefühl von sanftem Stolz in meiner Brust ausbreitet.
Ich habe es geschafft. Ich habe mein erstes Essen bestellt und mich auf diesem absurden Abenteuer mit dem ersten Fremden richtig unterhalten. Und ich habe es nur für mich getan. Es ist so lange her, dass ich etwas nur für mich getan habe. Es fühlt sich … gut an.
Hm. Als ich auf die bunt beleuchteten Traumstraßen Tokios blicke und auf das erste Essen seit Jahren, das ich nur für mich allein bestellt habe, muss ich einfach lächeln.
Ich bin hier, wirklich hier, und auch wenn ich müde, unsicher und ja, ein bisschen ängstlich bin … ich bin hier. Das ist real. Und ich entscheide, was als Nächstes passiert.
(lächelt freundlich) “Guten Appetit.”
Der Dampf der Suppe steigt auf und lässt das sich spiegelnde Licht im Fenster, wie hinter einem Schleier verschwinden. Ich finde Geborgenheit in der Wärme und in den intensiven Düften und lasse mich von der Vorfreude auf die kommenden Tage verzaubern.
Morgen, verspreche ich mir, wird ein Tag voller neuer Möglichkeiten.
Zwei Tage in Tokio vergingen schneller als gedacht. Naja, zumindest nach dem ersten Abend in der Ramen-Bar.
Aber dieser Abend war der Wendepunkt für mich. Endlich mal über mich hinauswachsen, etwas Neues ausprobieren … und ich meine damit nicht nur die Ramen. Vor dieser Reise war ich nie mutig genug gewesen, Raum für mich in dieser Welt einzunehmen.
Ich weiß, es war nur eine Kleinigkeit, aber die Freundlichkeit des Barkeepers fühlte sich an wie eine Bestätigung, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben ankommen. Es gab mir etwas … einen Funken einer Idee, von der ich hoffe, dass sie weiter aufblühen wird, wenn ich sie pflege.
Deshalb habe ich angefangen, täglich Tagebuch zu schreiben.
“Reise-Tagebuch. Tag 3, Eintrag 2. Reise von Tokio nach Kyoto. Stimmung: Hoffnungsvoll. Dankbar für: Perspektive.“
So ein Glück, dass unter meinem Airbnb dieser unglaubliche kleine Schreibwarenladen war, wo ich dieses wunderschöne Notizbuch gefunden habe. Dazu habe ich mir einen neuen Stift gekauft, um mir selbst zu beweisen, dass ich es ernst meine und mir die Mühe wert bin. Es ist nur ein kleiner Anfang, aber immerhin etwas, und jeder fängt mal irgendwo an.
Als der Zug losfährt, schaue ich aus dem Fenster. Ich staune darüber, wie wir fast lautlos an Geschwindigkeit gewinnen und die Skyline von Tokio an mir vorbeifliegt. Sie verschwimmt wie meine Gedanken. Es ist bemerkenswert still im Zug-Waggon - wofür ich dankbar bin, während ich beginne, alles aufzuschreiben, was mir in den Sinn kommt.
“Diese Reise fühlt sich jetzt schon wie ein Traum an. Genau das hatte ich mir erhofft, als ich von zu Hause wegging: dass ich mutig bin und bereit, Ja zu neuen Abenteuern zu sagen. Ich will die Teile von mir selbst zurückerkämpfen, die ich in den letzten drei Jahren verloren habe.“
“Ich denke immer wieder an diese erste Nacht, zuerst im Bahnhof – wie ich mich diesem gutaussehenden Fremden gegenüber verhalten habe, das war so gar nicht meine Art. Selbst jetzt noch schäme ich mich dafür. Dann, vor dem Ramen-Laden … mitten in der pulsierenden Stadt zu stehen und daran erinnert zu werden, wie sehr ich mich verloren habe, wie leer sich mein Leben angefühlt hat … das war unerwartet schonungslos.“
“Acht Jahre lang habe ich hart gearbeitet, um den Höhepunkt meiner Karriere zu erreichen, und dabei vergessen, wofür ich eigentlich arbeite. Ich war nur noch ein Schatten meiner selbst, ein Datenpunkt in einer Tabelle, verloren in den Seiten einer Geschichte, die mir nicht gehörte. Und doch hatte ich mich völlig geöffnet, jede Faser meiner kreativen und produktiven Energie in die seelenlose Maschinerie eines Konzerns gesteckt, der mich mit einem Fingerschnipsen loswerden würde, sobald der Sohn eines Vorgesetzten nach dem Studium einen neuen Job braucht.“
“Irgendwo in meinem Unterbewusstsein muss eine Wahrheit verborgen liegen, die mich daran erinnert, dass ich mehr bin als mein Job. Das muss so sein, schließlich habe ich mich für diese Reise entschieden … Aber ich weiß nicht mehr, wo ich danach suchen soll. Ich habe schon lange aufgehört, nach der Version von mir selbst Ausschau zu halten, die präsent genug war, um zu wissen, was sie wollte, und mutig genug, es zu verfolgen.“
Dieser Gedanke trifft mich mitten ins Herz, denn erst beim Schreiben wird er mir wirklich bewusst, und es ist etwas zu viel auf einmal, um es zu verarbeiten.
Zum Glück lenkt mich die Aussicht ab. Die Welt da draußen rauscht an den Zugfenstern vorbei. Die Landschaft hat sich von der verschwommenen Hektik der Stadt in sanfte Hügel und ruhige Stille verwandelt – und das in rasantem Tempo.
“Es macht mich traurig zu erkennen, wie viel ich von mir selbst für den Traum eines anderen aufgegeben habe. Das kleine Mädchen, das von einem Job in einer Großstadt träumte, von schicken Hosenanzügen und ihrem Namen an der Bürotür, würde die Frau, die ich heute bin, nicht wiedererkennen. Ja, ich habe ihren Traum verwirklicht, aber um welchen Preis?“
“So oder so: Ich versuche, es für sie wieder gut zu machen, weil ich hier bin. Ich nutze meine Chancen und verwirkliche meine Träume. Wie die japanische Kunst des Kintsugi. Monatelang habe ich mich über diese alte Kunst eingelesen, etwas Zerbrochenes mit Gold zu reparieren, sodass aus den Fehlern etwas Schönes entsteht. Deshalb glaube ich jetzt daran, dass etwas, selbst wenn es zerbrochen ist, immer wieder schön werden kann.“ “Die goldenen Fäden der Möglichkeiten in all den Kintsugi-Stücken, die ich gesehen habe, haben mich glauben lassen, dass diese Möglichkeiten vielleicht auch in meinem Leben auf mich warten, wenn ich nur lerne, nach ihnen zu suchen.“
Der Zug bremst ab, und erst jetzt merke ich, dass auch meine Gedanken zur Ruhe gekommen sind. “Nach dieser Tagebuch-Session fühle ich mich fast … entspannt.“
Irgendwie hat mir diese Zugfahrt und die Zeit, die ich hatte, um mein Herz in meinem Tagebuch auszuschütten, dabei geholfen, aufzuatmen.
Als ich schließlich aus dem Zug steige, verfliegen die letzten Spuren von Tokios Neonträumen im kühlen, klaren Himmel. Es duftet nach Kirschblüten und eine Brise umweht den Bahnhof Kyotos. Ich bin fast hoffnungsvoll.
Als ich dieses Ryokan gebucht habe, fühlte es sich nach zu viel Luxus an. Ich hatte Angst, es zu bereuen. Aber seit meiner Ankunft vor einer Stunde bereue ich nur eines: dass ich nicht länger bleiben kann.
Dieses Resort ist einfach atemberaubend. Es ist eingebettet in die typisch japanische Landschaft, und es fühlt sich an, als wäre ich aus der Realität in einen Traum gesprungen.
Das Zimmer ist… Unglaublich, wirklich. Natürliche Texturen und weiche Leinenstoffe geben mir das Gefühl, geborgen zu sein. Es fühlt sich an wie eine Umarmung, und ich spüre, wie mein Körper entspannt, wie meine Gedanken in ein friedliches Murmeln übergehen. Und ich warte nur darauf, dass sich das Freiluftbad auf meinem privaten Balkon füllt.
Drinnen ist es schon atemberaubend, aber draußen ist es noch so viel schöner. Hier, wo Natur und Abgeschiedenheit einen perfekten Rückzugsort geschaffen haben, herrscht absolute Ruhe. Dieser Moment ist genau so, wie ich ihn mir erhofft habe. Ich beobachte den Dampf, der vom Wasser aufsteigt, das aus einem breiten Bambushahn fließt.
Ich sinke in das dampfende Nass, Lotusblüten gleiten auf der Wasseroberfläche um mich herum, und ich entspanne mich sofort. Die Dusche vor dem Baden war schon angenehm, aber das hier … Das ist einfach alles.
Voll in die Natur einzutauchen, fühlt sich an wie eine Massage meiner Sinne. Ich habe mich schon lange nicht mehr so bewusst wahrgenommen.
Der Anblick und die Düfte der Landschaft um mich herum sind wohltuend. Die Gipfel der Berge und die dichten Wälder am Horizont beruhigen meinen Geist, und das warme Quellwasser hat die perfekte Temperatur, um meine Haut zu beruhigen, meine Muskeln zu entspannen. Es ist eine wunderbare Kombination aus Achtsamkeit und absoluter Ruhe.
“Mmm, Gott, das ist magisch.”
Ich entspanne mich. Ganz auf den Moment konzentriert, beginne ich zu verstehen, wie es sich anfühlt, so exponiert zu sein.
Es ist verletzlich und bestärkend, befreiend und erdend… es ist (hier besonders hervorzuheben) einfach alles.
Ich schließe die Augen und lasse die Ruhe über mich kommen, während ich meine Aufmerksamkeit auf meinen Körper richte. Auf die Zehenspitzen, am Wannenrand, auf die Beine ausgestreckt im Wasser.
Meine Hüften und mein Po geben mir Halt in dieser Position, mein Rücken schmiegt sich an den hohen Steinrand, mein Kopf ist nach hinten geneigt, der Nacken ruht im Bogen der tiefen Umrandung.
Es ist wohltuend und sinnlich und verlangt nichts weiter, als dass ich es wahrnehme.
Als ich eine der Lotusblüten zu mir heran ziehe, wiegen sich die Wellen an meiner Haut und branden gegen meine Brust. Sanft zeichne ich die Blüte mit den Fingern nach.
Ich streiche über ihre Blätter, ihre weichen, fast seidigen, dennoch dichten Ränder, die sich zur Mitte der Blüte hin einrollen. Es erinnert mich daran, wie es sich anfühlt, mich selbst mit so viel Ehrfurcht zu berühren.
Es ist schon ewig her, dass ich meinen eigenen Körper als etwas wahrgenommen habe, das berührt und zärtlich behandelt werden sollte, aber jetzt … an diesem Ort fühlt es sich wie eine Aufforderung an.
Ich verlagere mein Gewicht unter Wasser.
Es tut gut, meinen eigenen Körper zu spüren… in meiner Haut einfach nur zu existieren.
Meine Hände gleiten unter Wasser, bis meine Fingerspitzen über meine Oberschenkel streifen, und ein heißer Schauer über meinen Rücken jagt ,der sich in meinem Bauch sammelt.
Es ist Monate her, seit ich mich das letzte Mal selbst berührt habe. Noch länger, seit es das letzte Mal jemand anderes getan hat… Und wahrscheinlich Jahre, seit sich jemand wirklich um meine Bedürfnisse gekümmert hat.
Mein Körper war kaum mehr als eine Maschine. Mich um mich selbst “zu kümmern” bedeutete, mich zu bewegen, zu essen und schlafen zu gehen. Ich erledigte gewissenhaft all meine Aufgaben. Zumindest dachte ich das.
Doch eine Sache habe ich dabei wohl vergessen. Lust und Erregung standen einfach nicht auf meiner endlosen To-do-Liste. Aber jetzt…
Ich spreize meine Schenkel und mache es mir im warmen Wasser gemütlich. Ich genieße die Freiheit der Natur und die Privatsphäre dieses Freiluftbades. Dabei spüre ich ganz bewusst, wie das Wasser an meinen Brüsten entlang fließt. Es fühlt sich … unglaublich an.
Während ich die Innenseiten meiner Schenkel wie die Blütenblätter der Lotusblume nachzeichne, lasse ich mit jeder sanften Berührung meine Hemmungen fallen.
Meine Finger finden ihren Weg zum höchsten Punkt meiner Schenkel, und mein Rücken wölbt sich unter dem langsamen Genuss meiner eigenen intimen Berührung.
Es fühlt sich dekadent an, sich so hinzugeben.
Jede Berührung und jede Kreisbewegung entfacht einen Funken der Lust und erleuchtet meinen Körper von innen heraus. Ein prickelndes Gefühl der Erregung durchfährt meine Haut, meine Zehen spreizen sich und meine Brustwarzen werden hart.
Ich lasse mir Zeit, meine Finger gleiten langsam und zart über meine Vulvalippen… ich spüre, wie ich auf eine Weise feucht werde, die nichts mit diesem Bad zu tun hat.
Nur das warme Wasser, eine sanfte Brise und der zarte Druck meiner Finger erinnern mich daran, wie es sich anfühlt, mir zu erlauben, mich gut zu fühlen. Mehr noch: Mir selbst etwas Gutes zu tun.
Ein Finger umkreist sanft meinen Eingang und neckt meine empfindliche Haut.
Es fühlt sich so gut an, sanft mit mir selbst zu sein, neugierig zu erkunden–
“Ohh, mmm.”
Meine eigene Lust zu erforschen… einfach, weil ich es kann.
Und weil es sich gut anfühlt.
Ich brauche nicht mal eine Fantasie, eine Vorstellung, um erregt zu sein.
Einfach hier zu sein, meinem eigenen Verlangen nachzuspüren… Mmm … das genügt.
Es ist alles, was ich brauche. Ich füge einen weiteren Finger hinzu, um die Intensität meiner Berührung zu steigern und die Erregung zu genießen.
Dieser Moment, so wie er ist, ist eigentlich nichts Besonderes. Nur ich, meine Hände, meine eigenes Fühlen und diese Unglaubliche Gewissheit, frei zu sein.
Es ist alles, was ich brauche. Es ist so, so gut - besonders, als ich diesen Punkt in mir treffe, der mir immer so ein warmes Gefühl gibt. Als mein Rücken sich durchstreckt, meine Brüste die Wasseroberfläche durchbrechen, sodass meine harten Nippel der kühlen Brise ausgesetzt sind und-
“Ohhh mmmmm.”
Jeder Atemzug und jedes Stöhnen erzeugt Wellen im Wasser, die meine Brüste und die empfindliche Haut an Bauch und Hüften kitzeln. Die ungewohnt sanften Berührungen des Wassers steigern meine Lust.
Meine Schenkel spreizen sich weiter, je näher ich komme. Der Druck meiner eigenen leidenschaftlichen Berührung fühlt sich auf eine Weise heilend an, die ich–
“Mmmm, jaaa.”
Ich möchte diesen Moment auskosten und ihn für immer festhalten, aber…
Es fühlt sich zu schön an, um aufzuhören, und ich will weitermachen, um zu sehen, wie schön es werden kann, wenn ich…
“Ohhh, ich bin kurz davor.“
Ich könnte aufhören, es weiter hinauszögern und steigern, aber das sanfte Gleiten meiner Finger, die all die richtigen Stellen massieren, während das Wasser über meine empfindliche Haut wirbelt…
Ich weiß, ich werde nicht aufhören. Denn ich will es. Jetzt.
Als die Hitze meiner Erlösung immer näher kommt, öffne ich meine Augen und lasse mich von dem unendlichen Potenzial dieses abgelegenen Wunderlandes daran erinnern, dass ich hier bin, dass ich mir gehöre und dass ich…
Oh ja, ich komme.
(immer noch außer Atem) Als ich langsam wieder zu mir komme, bemerke ich als Erstes das wunderbare Gefühl tiefer Entspannung in meinem Körper.
Ich bin eins mit meinem Körper und fühle mich schwerelos im dampfenden Wasser. Es ist wie eine Befreiung…
Aber es ist noch mehr als das.
Dieses Nachglühen ist ein aktives Loslassen von Erwartungen und Prioritäten, die mir nicht gutgetan haben.
Ich komme langsam wieder runter vom Hoch meines Orgasmus, aber er klingt in der Leichtigkeit meiner Stimmung und meiner Bewegungen nach.
Ich ziehe mich aus dem Wasser, verweile einen Moment, nackt und gelassen, während ich die frische Luft einatme. Es ist, als hätte dieser eine Akt der Lust, nur für mich, mein Selbstgefühl neu kalibriert.
Ich liebe die Schlichtheit der japanischen Sitzhaltung, aber ich habe noch nicht herausgefunden, wie ich elegant dabei aussehen kann, während ich versuche, eine bequeme Position auf dem Boden des kleinen Studios zu finden. Wir haben uns hier für Kintsugi-Workshop versammelt.
Ich hatte schon im Zug hierher über Kintsugi und meine damit verbundene Hoffnung geschrieben. Und direkt nach der Ankunft bot sich eine einzigartige Gelegenheit, von einem lokalen Künstler mehr über Kintsugi zu erfahren. Auf einer Infokarte, die jeden Morgen zum Frühstück ausliegt, stand die Adresse seines Studios. Es fühlte sich ein bisschen wie Schicksal an.
Wir sind eine kleine Gruppe, nur drei Personen, aber ich muss trotzdem den bitteren Beigeschmack meiner eigenen Nervosität unterdrücken, als ich mich umschaue und die anderen Teilnehmer betrachte.
Ich war schon immer introvertiert, und nach Japan zu reisen war ein großer Schritt für mich. Keine Ahnung, warum ausgerechnet dieses Studio mit der kleinen Gruppe besonders einschüchternd auf mich wirkt. Ich schaue mich um, betrachte die gestapelten Keramiken und das ganze Material, das den Tisch schmückt, an dem wir sitzen.
Das Warten ist das Schlimmste, deshalb bin ich erleichtert, als ich höre, dass die Tür aufgeht. Wahrscheinlich ist es der Künstler, und wir fangen gleich an – Doch meine Gedanken verstummen abrupt. Der Mund bleibt mir offen stehen, denn da, vorne in diesem winzigen Studio in diesem versteckten Refugium in Kyoto … steht Alex. Der gutaussehende Fremde aus der U-Bahn in Tokio. Der Typ, zu dem ich so unhöflich war.
“Ohayō. Guten Morgen.”
(schockiert) Wie kann das sein? Die anderen Teilnehmer begrüßen ihn. Ich kann es nicht fassen und starre ihn einfach nur an.
Alex ist … hier. Und nicht nur hier, am selben Ort, sondern er leitet diesen Workshop, für den ich mich angemeldet habe. Bevor ich genug Zeit habe, um mich in Gedanken zu verlieren, setzt er sich lächelnd zu uns an den Tisch.
(freundlich, sanft und relativ weich) “Vielen Dank, dass ihr heute an diesem Kintsugi-Workshop teilnehmt. Die alte Kunst des Kintsugi stammt aus dem Japan des 15. Jahrhunderts. Das Wort selbst beschreibt die Kunstform: Kin bedeutet Gold und Tsugi bedeutet Verbindung. Wobei der Name eigentlich etwas irreführend ist. Wir verwenden für Kintsugi kein Gold, sondern Urushi, ein Baumharz von einheimischen Bäumen, das einzigartige Klebe- und Schutzeigenschaften besitzt.“
Ich versuche, mich auf seine Ausführungen zu konzentrieren, doch obwohl ich sie ungemein interessant finde, beobachte ich stattdessen ihn. Seine sanften Bewegungen, seine Hände, sein weiches Lächeln und die Ehrfurcht, mit der er über diese Kultur spricht, die eindeutig nicht seine eigene ist, die er aber dennoch zu lieben scheint.
(Er spricht leidenschaftlich, aber langsam und andächtig) “Ich bin eigentlich aus dem Norden Deutschlands… und kenne die Kunst, mit dem auszukommen, was man hat. Aber die alten Japaner wollten sich nicht einfach damit begnügen … Sie wollten die Schönheit im Alltäglichen entdecken, selbst wenn andere sie übersehen. Als Teezeremonien immer beliebter wurden und die Preise für Teesets stiegen, war es unvermeidlich, dass Dinge durch den Gebrauch beschädigt wurden, abgeplatzt sind oder sogar zerbrochen. Diese Risse und Makel waren der Ursprung von Kintsugi, als Teehäuser begannen, ihr Teegeschirr durch Reparatur und Verzierung neu herzustellen.“
Er spricht mit Leidenschaft, fast wie auf Autopilot, aber es ist das, was er tut, das mich fesselt. Seine Aufmerksamkeit ist mehr auf seine Handlungen gerichtet, während seine großen Hände sich so zart bewegen, einen Pinsel und eine gesprungene Teetasse heben und die vorgemischte Urushi-Farbe vorsichtig auf die Keramik auftragen.
(malt konzentriert eine goldene Linie auf eine Teetasse während er spricht) “Obwohl Lackreparaturen in Japan und China weit verbreitet sind, war die einzigartige Technik, vergoldeten Lack für Reparaturen zu verwenden, eine rein japanische Erfindung. Sie spiegelt die japanische Lebensart und die Wabi-Sabi-Philosophie wider. Als ich nach Japan zog, um Deutsch zu unterrichten, nahm ich mir vor, japanische Bräuche und Philosophien kennenzulernen, zu respektieren und mit anderen neugierigen Besuchern zu teilen. Und obwohl es viele Möglichkeiten gibt, dies zu tun, ist keine so schön wie diese.“
Er lächelt sanft, hebt die reparierte Tasse vorsichtig hoch und zeigt uns die dünne Goldlinie, die nun die beiden Hälften zu einem Ganzen verbindet. Er hat sie mit atemberaubender Präzision wiederhergestellt. Ich bin fasziniert.
“Heute wollen wir die Kunst des Wabi-Sabi mit Kintsugi verinnerlichen. Während wir arbeiten, möchte ich euch ermutigen, darüber nachzudenken, wie ihr diese Ideen auch nach diesem Kurs umsetzen könnt.“
Alex geht langsam durch den Raum und reicht jedem von uns eine Tasse mit derselben Feinfühligkeit, mit der er alles andere erledigt. Mein Herz pocht vor Hoffnung, dass seine Worte vielleicht auch mir gelten könnten.
“Reisetagebuch. Tag 5, Eintrag 4. Kameoka, Kyoto. Stimmung: Überrascht. Dankbar für: Zerbrochene Keramik.“