
In geteiltem Berlin schreiben sich Anna, Bibliothekarin im Osten, und Jonas, Fotograf im Westen, heimlich Briefe, bis ihre erste Begegnung zwischen Mauer und Kontrollpunkten in unaufhaltsamer Leidenschaft zerbirst.
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“Na gut.”
Sehr geehrter Herr Feldmann, gestern, am 27. Juni 1989, besuchte ich die Fotoausstellung “Augenblicke” in der Akademie der Künste. Ein solcher Anlass kommt hier selten. West- und Ostaufnahmen nebeneinander, endlich einmal aus nächster Nähe die Welt jenseits der Grenze sehen zu können Als ich dann die Räume betrat, war es wie ein kleiner Schritt in eine andere Welt. Gesichter, Straßen, Augenblicke, eingefangen in Licht und Schatten, wie man sie sonst nur aus Büchern kennt. Und dann blieb ich unvermittelt stehen. Ein Foto, das nicht wie die anderen war. Vielleicht, weil es mir unheimlich vertraut vorkam. Denn das Gesicht darauf war meines. Vertieft in ein Buch auf einer Parkbank in Lichtenberg, während die Menschen um mich herum geschäftig vorbeieilen.
Ich konnte es kaum glauben. Und obwohl das Bild wirklich außergewöhnlich ist - Licht und Komposition sprechen für sich - möchte ich doch fragen: Wer gibt Ihnen das Recht, fremde Menschen ohne ihr Wissen abzulichten und dann überdimensional in einer Ausstellung zu zeigen? Ich hoffe auf eine baldige Erklärung Ihrerseits. Mit freundlichen Grüßen Anna Lorenz
“Sehr geehrte Frau Lorenz, zunächst möchte ich mich für Ihren Brief bedanken, der mich glücklicherweise ungeöffnet erreicht hat. Vor allem aber danke ich Ihnen auch dafür, dass Sie den Weg in die Ausstellung gefunden haben. Es ist nicht selbstverständlich, den Blick auf Bilder zu richten, die aus einer anderen Perspektive entstanden sind. Ich bedaure, dass das Foto Sie irritiert hat. Es war nie meine Absicht, jemanden unbedacht zu zeigen. Als Fotograf bin ich immer auf der Suche nach besonderen Momenten. Nach dem Wesentlichen, was für das Auge unsichtbar bleibt. Ich war an diesem Tag mit einer speziellen Erlaubnis in Ostberlin, um Aufnahmen für einen Auftrag der Berliner Morgenpost einzufangen. Eigentlich war ich schon auf dem Rückweg, mein Film war bis auf ein letztes Bild voll.”
“Doch dann bemerkte ich Sie. Allein auf der Parkbank. Ein Buch in der Hand. Ihr sanftes Lächeln, der vertiefte Blick, der verrät, dass Sie sich gerade in einer anderen Welt befinden, dass die Umgebung um Sie herum verfliegt. Es war einer dieser Augenblicke, die nur entstehen, wenn man wirklich beobachtet, ohne zu stören. Ich konnte nicht anders, als ihn festzuhalten. Der Titel des Buches war nur zu erkennen, wenn man innehielt und genau hinsah. Ein Detail, das mir sofort auffiel, nicht nur, weil ich selbst “Der kleine Prinz” sehr schätze, sondern weil es den Moment für mich noch besonderer machte. Mich würde interessieren, welche Geschichten Sie sonst noch begleiten. Welche Bücher Ihnen mehr geben als die Welt um uns herum, wenn Sie sie in die Hand nehmen? Freundliche Grüße Jonas Feldmann”
Sehr geehrter Herr Feldmann, vielen Dank für Ihren Brief und für die freundlichen Worte. Ich verzeihe Ihnen… alles für die Kunst, nicht wahr? Ich arbeite als Bibliothekarin und liebe nichts mehr als Bücher. Es ist nicht immer leicht, an alle Titel zu gelangen, die mich interessieren, doch durch meinen Beruf kenne ich meine Wege. Ich lese am liebsten Geschichten über andere Welten, Freiheit und Weiten… Momente, die einen kurz über den Alltag hinausheben. Zwischen den Regalen verliere ich mich in fremde Welten, in Geschichten, die mich hinaustragen aus den grauen Straßen und hinter die Mauern, die unseren Alltag einengen. Jeder Blick auf ein Buch ist wie ein kleiner Aufbruch, ein Atemzug von Freiheit, die sonst so selten ist. Draußen jedoch bleibt alles wie gewohnt: enge Wege, wenig Menschen, die ähnlich denken, die sich mehr wünschen, als das, was ist. Manchmal wird mir bewusst, wie einsam diese kleinen Fluchten sind… und doch kann ich nicht davon lassen. Ich verabschiede mich nun von Ihnen, Herr Feldmann - „Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!“ - und wünsche Ihnen alles Gute. Grüße aus der Ferne Anna Lorenz
“Liebe Frau Lorenz, einige Wochen sind vergangen, seit ich Ihren Brief erhielt, und ich muss gestehen: Ich habe mich immer wieder dabei ertappt, an Sie zu denken. Ihr Abschied hinterließ ein kleines, eigenartiges Ziehen. Die Worte, Ihr Lächeln zwischen den Zeilen, und die Vorstellung, wie Sie in Büchern versinken, während die Welt um Sie herum weiterläuft. Ich kenne das Gefühl, kaum Menschen zu treffen, die ähnlich denken wie man selbst. Es wäre schade, eine solche Verbindung einfach wieder loszulassen, deshalb schreibe ich Ihnen noch einmal. Mich interessiert, ob Sie in der Zwischenzeit etwas besonders Schönes gelesen haben… ein Buch, eine Geschichte, die Sie mitgenommen oder in ferne Welten geführt hat? Grüße Jonas Feldmann”
Lieber Herr Feldmann, Ihr Brief hat mich wirklich überrascht. Im allerbesten Sinn. Ich habe ihn immer wieder gelesen und konnte kaum glauben, dass jemand, den ich nur aus Worten kenne, so aufmerksam und verständnisvoll schreibt. Wie das Schicksal es wollte, ist mir Emily Brontes Sturmhöhe in die Hände gefallen, und ich kann kaum in Worte fassen, wie glücklich ich darüber war. Kaum hatte ich die erste Seite aufgeschlagen, konnte ich das Buch nicht mehr weglegen. Jede Zeile zog mich tiefer hinein. Die Geschichte von zwei Menschen, deren Nähe von Hindernissen und Geheimnissen geprägt ist, die aber immer wieder zueinander finden, hat mich völlig gefangen genommen. Und ja, ich gebe es zu, Herr Feldmann: Immer wieder musste ich beim Lesen an Sie denken. An unser stilles Austauschen, an die Vorstellung, wir könnten uns treffen und stundenlang über unsere liebsten Bücher sprechen. Vielleicht eines Tages auf einer Parkbank in Lichtenberg? Grüße Anna
“Liebe Anna, es hat mich sehr gefreut, von Ihnen zu lesen. Ich kann gut nachvollziehen, wie sehr Sie Sturmhöhe gefangen genommen hat. Diese Leidenschaft, diese unerhörten Gefühle, die das Buch so lebendig machen. Ich muss gestehen, dass Ihr kleiner Hinweis, Sie hätten beim Lesen an mich gedacht, meine Neugier geweckt hat. Bei welchen Szenen genau? Jonas”
Manchmal blieb ich einfach an einer Passage hängen, in der Heathcliff und Catherine still nebeneinander stehen, während der Sturm um sie tobt. Der Moment, in dem man fast vergisst zu atmen, weil alles andere plötzlich unwichtig scheint. Und aus irgendeinem Grund blätterte ich immer wieder dorthin zurück, ohne dass die Zeilen es nötig gehabt hätten, mich zu halten.
“Ich sehe dich vor mir, auf der Parkbank, das Buch in den Händen. Deine Augen weiten sich, der Wind zerzaust dein Haar, rauscht über die Seiten und blättert sie um. Doch du merkst es kaum, so gefangen in der Geschichte bist du, weit weg von allem, und für einen Moment vergisst du, wo du bist, wer du bist.”
Und obwohl ich im Gegensatz zu dir nicht weiß, wie du aussiehst - du hast ja ein Foto von mir - , sehe ich dich trotzdem vor mir. Wie du durch die Straßen ziehst mit deiner Kamera, dich umsiehst, aber nicht nur mit den Augen, du streckst deine Sinne aus wie Fühler, erkennst mehr als andere, liest zwischen den Zeilen. Und dieses Unsichtbare hältst du wie die besten Autoren auf ihren Seiten in einem einzigen Bild fest. Wie damals auf der Parkbank.
“Ich stelle mir vor, wie ich an jenem Tag auf dich zutrete statt den Auslöser zu drücken. Wie nah wir uns schon waren und doch ging ich weiter, anstatt einfach die Hand auszustrecken, dich zu berühren, dein Lächeln für immer einzufangen, aber nicht mit der Linse. Manchmal wünschte ich, ich hätte es getan.”
Inzwischen sind deine Briefe das, was ich am liebsten lese. Ich kann kaum erwarten, sie in die Hand zu nehmen, sie zu öffnen, daran zu denken, dass du dasselbe Papier zwischen deinen Fingern gehalten hast. Sie sind alles, was diese unüberwindbar scheinende Grenze zwischen uns erträglich machen. Und wenn ich daran denke, fallen mir all diese Liebenden ein, die so nah waren und doch für immer getrennt blieben, Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Orpheus und Eurydike.
“Anna, man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen. Ich könnte wiederkommen.”
Das wäre wundervoll. Und doch frage ich mich: Welcher Anlass bringt dich diesmal in den Osten? Ein weiterer Fototermin, oder etwas anderes?
“Ja, ein weiterer Auftrag der Zeitung. Der Sommer neigt sich dem Ende zu, das Licht fällt gerade besonders schön. Vor allem in Lichtenberg, wo die Linden in der Nachmittagssonne lange Schatten werfen.”
Ich kenne eine Bank, nicht weit von der Bibliothek.
“Meinen Passierschein hab ich dabei. Am Checkpoint gabs kein Problem. Der Auftrag der Zeitung hat alles geregelt. Nach dem Erfolg der letzten Ausstellung überhaupt kein Hindernis. Und doch schlägt mein Herz wie verrückt. Die Straße ist belebt, Menschen gehen von der Arbeit nach Hause, die Köpfe gesenkt, Gesichter ernst. Niemand sieht mich an, als wäre ich unsichtbar. Alles ist genau wie damals, als ich hier war. Nur das Licht hat sich verändert. Es fällt jetzt tiefer, länger, und die Luft ist frischer, kühler, es riecht nach Herbst. Und dann biege ich um die Ecke. Das Meer aus grauen Hüten und Schürwollmänteln teilt sich vor mir. Da sitzt sie. Auf der Bank. Genau wie damals. In ein Buch vertieft, die Haare mit einer Spange festgehalten. Für einen Moment bleibt die Welt stehen.”
“Anna.”
“Woraus auch immer unsere Seelen gemacht sein mögen, seine und meine gleichen sich.”
Ich wiederhole die Worte leise für mich selbst, während ich auf der Parkbank sitze, das Buch in den Händen.
Ein Schatten fällt auf die leicht vergilbte Seite, als eine Gestalt vor mich tritt. Ich hebe den Blick. Und da ist er. Ich hab ihn noch nie gesehen und doch erkenne ich ihn sofort. Das goldene Licht der tiefstehenden Septembersonne erleuchtet ihn von hinten, mit haselnussbraunen Augen lächelt er mich warm an. Alles an ihm ist vertraut.
“Jonas.”
“Die Luft zwischen uns ist dicht, und ich spüre jeden Schlag meines Herzens. Ich würde sie am liebsten in meine Arme ziehen, sie einfach nur festhalten und nie wieder loslassen, aber das geht nicht. Nicht hier. Nicht unter den wachsamen Augen der Straße. Als könnte sie meine Gedanken lesen, streckt sie mir als Gruß ihre Hand entgegen. Ich ergreife sie. Sie ist warm, zart, und der kleine Druck durchfährt mich wie ein Stromschlag. Alles um uns herum verschwimmt. Die Stimmen, die Schritte, das Rauschen der Baumkronen, sie sind weit weg. Nur wir beide existieren. Sie lächelt leicht und befreit mich mit ihren Worten aus meiner Trance.”
“Wir könnten in die Bibliothek gehen. Ist nur ein paar Blocks entfernt. Dort können wir in Ruhe über das Projekt sprechen.”
“Ja, ja, sehr gerne.”
Seine Nähe, so vertraut und gleichzeitig so neu. Jeder Schritt neben ihm fühlt sich wie ein Herzschlag an, ein Echo in mir. Es ist, als würde eine leise Melodie in meinem Kopf spielen, ein Lied, das ich schon so lange vergessen hatte. Mein Herz klopft schneller, meine Wangen glühen, mein Bauch kribbelt.
“Hier sind wir.”
“Hier arbeitest du also?”
Der Schlüssel liegt schwer in meiner Hand, glatt und doch warm von meinen Fingern. Ich schiebe ihn ins Schloss der alten Holztür, in der ein Schild hängt, auf dem steht: „Bibliothek heute wegen Bestandsaufnahme geschlossen.“
“Ich trete ein. Die Wände sind getäfelt von Regalen voller Bücher. Der Geruch von Papier steigt mir in die Nase, Geschichten, die durch tausend Hände gegangen sind. Es riecht nach Neugier, Abenteuer, Sehnsucht. Die Tür fällt hinter mir ins Schloss. Und plötzlich ist die Welt draußen wie ausgesperrt. Sie steht ein paar Meter vor mir, zwischen den Regalen, die Hand auf der Theke, über die sie normalerweise die Bücher verleiht, den Kopf leicht gesenkt. Das Licht, das durch die hohen Fenster fällt, taucht sie in einen bronzenen Schimmer.”
“Ich beobachte, wie ihr Atem leise geht, wie sich ihre Brust unter der cremefarbenen Bluse hebt und senkt. Ich traue mich kaum, mich zu rühren. Die Luft ist wie geladen mit etwas, das ich nicht benennen kann, etwas, das ich am liebsten mit bloßen Händen greifen würde, nur um sicherzugehen, dass es echt ist und ich es mir nicht nur einbilde. Ich räuspere mich, die Worte bleiben mir fast im Hals stecken.”
“Ich wollte dir etwas mitbringen.”
“Meine Stimme klingt brüchig, als würde sie nicht recht zu mir gehören.”
“Der kleine Prinz. Dieses Exemplar habe ich schon als Kind gelesen. Der Zustand ist nicht der beste, aber-”
“Ich verhaspele mich, verliere den Faden, während meine Finger nervös über den Einband des alten Buches streifen.”
“Nein, es ist perfekt. Danke.”
“Langsam, wie in Zeitlupe, setze ich einen Schritt nach vorn. Jeder Schritt hallt in mir nach, als würde er die Welt verändern. Der Raum zieht sich zusammen, enger, kleiner, bis nur noch sie und ich übrigbleiben. Ich halte ihr das Buch hin.”
“Danke.”
“Da ist ihr Duft. Kein Parfum. Kein künstlicher Schleier. Nur sie. Warm, weich, wie der schönste Sommertag, barfuß im hohen Gras, die Sonne auf der Haut. Ich wünschte, dieser Atemzug würde nie enden. Als sie mir das Buch abnimmt, berühren ihre Finger meine, nur für den Bruchteil einer Sekunde, flüchtig, zart, und doch jagt ein Schauer durch meinen ganzen Körper, heiß, unaufhaltsam. Von dieser winzigen Stelle aus breitet er sich aus wie eine Lawine, die alles mitreißt. Und dann tue ich das, wovon ich schon seit so langer Zeit träume. Ich packe sie am Ellenbogen und ziehe sie an mich.”
“Unser Kuss ist wie der erste feine Riss im Beton, kaum sichtbar, doch unaufhaltsam und plötzlich bricht alles frei. Sie hält immer noch das Buch ihrer Hand, ihr Arm fällt achtlos zur Seite und wir stehen da, mitten in ihrer Bibliothek. In den warmen Sonnenstrahlen tanzen goldene Staubpartikel. Alles verstummt. Die Welt steht still.”
Ich löse mich aus dem Kuss, atme schwer. Mein Herz rast, meine Lippen brennen noch, als würde die Berührung seiner Lippen nachglühen. Ich streichle über seine Wange, spüre die leichte Rauheit der Bartstoppeln unter meinen Fingern. Er sieht mich an, so nah, so durchdringend, dass ich fast den Boden unter den Füßen verliere.
“Jonas.”
Mein Atem streift seine Lippen. Ich halte kurz inne, als müsste ich Mut sammeln.
“Ich will dir was zeigen, oben auf dem Dachboden.”
Bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, habe ich schon seine Hand genommen. Meine Finger umschließen seine, und ich spüre, wie selbstverständlich er meinen Griff erwidert. Fast wie ferngesteuert führen meine Beine mich die schmale Treppe hinauf, Stufe für Stufe, bis ganz nach oben, unter das Dach. Ich schiebe die Luke auf, ein leises Knarren hallt im Gebälk, dann klettern wir in die staubige Kammer.
Hier oben türmen sich Kisten, aufeinandergestapelt, die Deckel halb offen, überall ragen Bücher hervor. Alte Einbände, abgenutzt, manche mit Papier umschlagen.
“Was ist das hier?”
Ich lächle, ein kleines, verschwörerisches Lächeln.
“Mein Schatz im Silbersee.”
Die Spannung entlädt sich, warm, beinahe verspielt. Ich gehe zu einer der Kisten, streiche mit den Fingern über die Bücher.
“Ich sammle hier oben alles, was eigentlich nicht erlaubt ist.”
Er zieht vorsichtig einen Band heraus. 1984. Er hält es wie etwas Heiliges in den Händen, die Augen weit, voller Staunen.
“Eines meiner Lieblingsbücher.”
“Aber wie?”
Ich hebe den Blick, lächle ihn an, geheimnisvoll, vielleicht auch ein bisschen stolz.
“Wie ich dir schon in einem meiner Briefe geschrieben habe, ich kenne meine Wege.”
Ein Moment der Stille. Nur unsere Blicke, die sich ineinander verhaken. Dann kommt er auf mich zu, langsam, der Boden knarzt unter seinen Schritten. Seine Hand findet mein Gesicht, warm, fest, behutsam zugleich. Seine Finger berühren meine Wange. Ich schließe die Augen, als seine Lippen auf meine treffen.
Ich schmecke ihn, ein Hauch von Bitterkeit, von Wärme, etwas, das sich unauslöschlich einprägt. Seine Hände halten mich, ziehen mich noch näher. Ich versinke in ihm, während meine Finger durch sein Haar fahren, sich darin verfangen, als wollte ich nie wieder loslassen.
“Alles, was nicht erlaubt ist, also? So wie das hier?”
“Ihre Lippen auf meinen, ich verliere mich. Jeder Kuss ist wie ein Schlag gegen meine Brust, mein Herz hämmert schneller, lauter, als würde es gleich die gesamte Bibliothek einreißen. Ich kann nicht genug bekommen. Je länger ich sie küsse, desto größer wird dieses Verlangen, diese Sehnsucht, die sich in mir aufbaut. Meine Hände gleiten in ihr Haar. Ich spüre die Spange, löse sie, und im nächsten Augenblick fällt ihr Haar in seidigen Wellen auf ihre Schultern. Ich vergrabe meine Finger darin, genieße die Weichheit, als wäre es der wertvollste Stoff der Welt. Ich neige ihren Kopf zur Seite, lege ihren Hals frei und lege meine Lippen auf die zarte Haut. Sie schmeckt nach Wärme, nach Leben, nach etwas, das süchtig macht. ”
“Ich küsse sie, sauge mich an ihr, als könnte ich sie in mich aufnehmen. Jeder ihrer Atemzüge vibriert gegen meine Lippen, wird lauter, drängender. Und je lauter sie wird, desto mehr will ich sie. Mein ganzer Körper schreit danach, ausgehend von diesem einen Punkt tief in mir, der immer stärker pocht, heißer, ungeduldiger.”
“Meine Hände wandern über ihre Schultern, ihren Rücken, ziehen sie näher, fester an mich. Alles an ihr macht mich verrückt. Doch plötzlich halte ich inne. Ein Gedanke meldet sich laut bellend: Vielleicht haben wir nur diesen einen Moment. Nur heute. Nur diesen Augenblick. Wer weiß, was morgen ist, wann, ob wir uns je wiedersehen. Ich löse meine Lippen von ihr, halte sie in meinen Armen, meinen Atem schwer gegen ihre Schläfe. Für einen Augenblick bewegt sie sich nicht. Dann richtet sie sich auf, ihre Augen groß, verletzlich.”
“Jonas? Ist alles in Ordnung? Habe ich etwas falsch gemacht?”
Er schüttelt den Kopf, seine Augen glänzen.
“Ich wünschte, ich könnte diesen Moment für immer einfangen. So wie das Bild von dir auf der Parkbank. Ich will nicht, dass er vergeht.”
Seine Worte treffen mich mitten ins Herz. Ich spüre es, die Angst, dass dieser Augenblick flüchtig sein könnte, dass er uns wie Sand zwischen den Fingern verrinnt. Und doch, gerade jetzt, gehört er uns. Ich neige mich zu ihm und küsse ihn sanft, so leicht, dass es mehr ein Versprechen ist als ein Akt des Verlangens. Ich küsse seine Stirn, seine Nase, seine Wangen, sein Kinn und seine Lippen.
Meine Lippen wandern über sein Gesicht, als wollte ich jede Linie in mir abspeichern, als könnte ich so seine, nein, unsere Angst vor dem Vergehen vertreiben. Dann hält er mein Gesicht in seinen Händen, so fest, als wolle er mich nie wieder loslassen. Seine Lippen öffnen sich, unsere Zungen finden einander, kostend, erforschend. Ich verliere mich in ihm, voll und ganz, ohne Widerstand.
In unserem Kuss sinken wir zu Boden. Er setzt sich, stützt sich mit beiden Händen ab und ich hocke mich auf ihn. Langsam wandern meine Hände nach unten. Ich öffne sein Hemd, Knopf für Knopf, wie ein heimliches Ritual. Stück für Stück lege ich seine Haut frei. Er zieht es zusammen mit dem Jackett von sich, wirft es fort. Meine Hände liegen flach auf seiner Brust. So warm. Ich spüre seinen Herzschlag unter meinen Fingern, fest und ungestüm, wie ein Widerhall meines eigenen. Mein Blick flackert zu seinen Augen.
“Mit zittrigen Fingern öffne ich ihre Bluse, bis ich den Stoff über ihre Schultern streifen kann. Der Anblick raubt mir fast den Atem. Sie selbst löst langsam die Schnallen ihres BHs und befreit sich. Für einen Augenblick bin ich stumm. Vor mir entfaltet sich ihre Schönheit, so nah, so überwältigend. Mein Blick bleibt hängen an der feinen Goldkette um ihren Hals, an dem kleinen Schlüssel, der genau über ihren Brüsten baumelt. Er hebt und senkt sich mit jedem Atemzug, wie eine Einladung, die nur mir offenbart wird. Ich umfasse ihre Taille, ziehe sie an mich, beuge mich vor. Meine Lippen berühren ihre Haut, erst sanft, dann mit wachsender Gier. Ich wandere tiefer, koste sie, küsse ihre Brüste, schließe meine Lippen um ihre Nippel.”
“Ihr Kopf fällt zurück, sie atmet schwer, ein Stöhnen bricht aus ihr heraus. Dieses Geräusch fährt mir ins Mark. Alles in mir will mehr.”
“Meine Hand gleitet tiefer, sucht ihren Rocksaum, schiebt sich darunter. Durch den dünnen Stoff ihrer Unterwäsche spüre ich ihre Hitze, ihre Erregung. Sie pulsiert mir förmlich entgegen, ein Versprechen, ein Drängen, das mich selbst fast den Verstand kostet.”
Seine Hand unter meinem Rock. Für einen Moment wage ich kaum, mich wirklich darauf einzulassen. Zu deutlich, zu überwältigend wäre es, diesem Gefühl Raum zu geben. Doch dann geschieht es einfach. Mein Körper übernimmt, noch bevor ich bewusst zustimmen kann. Meine Gedanken ziehen hinterher, taumelnd, benommen von Verlangen. Sein Zeigefinger, erst so vorsichtig, streicht federleicht über den dünnen Stoff meiner Seidenunterwäsche. Kaum eine Berührung und doch brennt sie sich in mich hinein. Sekunden später wird das Zögern zu einem suchenden Druck, tiefer, bestimmter. Und ich weiß: ich will ihn. Mehr als alles andere.
Er bewegt sich auf und ab, ein langsames, unerträgliches Spiel, immer wieder über diesen einen Punkt, der kleine, heiße Schocks durch meinen Körper jagt. Mein Becken beginnt, sich sachte zu bewegen, fast von selbst, vor, zurück, immer seinem Rhythmus folgend. Ich keuche, mein Atem wird rauer, heißer, als hätte sich die Luft um uns verdichtet. Und währenddessen sind unsere Lippen absolut untrennbar. Kein Augenblick, in dem sie sich lösen. Sein Mund schmeckt nach Sehnsucht, nach Verlangen, nach etwas, das mich fast überfordert. Alles ist heiß und nass, meine Haut, meine Lippen, mein Innerstes. Ich schmelze in ihm, verliere mich in diesem Rausch.
“Wie sie sich auf mir bewegt, dieser Rhythmus, so ungeduldig und doch so weich. Ich halte es kaum noch aus. Vorsichtig gleitet meine Hand weiter, schiebt den dünnen Stoff ihrer Unterwäsche zur Seite. Nur ein winziger Widerstand, dann streifen meine Finger über das weiche Haar darunter und endlich finde ich die heiße Quelle, die auf mich gewartet hat. Ich streichle sie, langsam, auf und ab, zeichne Kreise, spüre, wie ihr Körper sofort antwortet. Meine Finger wandern tiefer, und dann tauche ich ab, zuerst nur mit der Kuppe, ein vorsichtiges Vortasten. Sie hebt das Becken, richtet sich leicht auf, als würde sie mich bitten, tiefer vorzudringen. Ich gehorche. Mein Zeigefinger gleitet in sie hinein, warm, eng, atemraubend. Gleichzeitig kreist mein Daumen weiter über ihre empfindlichste Stelle.”
“Sie bäumt sich auf, stöhnt an die Decke, als könne sie diesem Druck in ihrem Inneren nur so Raum geben. Ich küsse ihre Brüste, koste ihre Haut, während mein Finger tiefer und tiefer in sie eintaucht. Ihr Geschmack, ihr Klang, ihre Wärme, alles vermischt sich zu einem einzigen Rausch. Ich lasse mir Zeit. Noch. Doch ich spüre, wie das Beben in ihr wächst, wie der Druck sich aufbaut, unerbittlich. Bald wird es kein Halten mehr geben.”
So habe ich mich noch nie gefühlt. Jede seiner Berührungen ist zugleich Befriedigung und Qual. Seine Hand an mir, sein Finger tief in mir, jeder Kuss auf meine Brüste, jeder Hauch auf meinen harten Brustwarzen brennt wie Feuer. Mein Atem stolpert, bricht in kleine Fetzen, während ich mich auf ihm bewege, auf und ab, selbst bestimmend, wie tief, wie schnell er in mich eindringt. Ich führe ihn, doch er hält mich gleichzeitig fest. Und dann spüre ich plötzlich, wie sich der Druck steigert, wie voll ich mich fühle. Jetzt sind es nicht nur ein, sondern zwei Finger in mir. Ein neues Brennen, ein noch stärkeres Ziehen.
“Oh ja!”
Ich werde schneller, gieriger, lauter. Meine Hüften suchen seinen Rhythmus, treiben ihn an. Alles in mir spannt sich, alles drängt nach diesem einen Moment. Ich blicke hinunter, sehe ihn von unten zu mir aufsehen, diese Augen, so tief, so leuchtend, aber ich kann mich nicht mehr auf sie konzentrieren. Ich verliere jede Kontrolle. Alles bricht frei. Mein Körper übernimmt, bäumt sich auf, stößt die Luft aus meiner Kehle. Hitze, Druck, Entladung.
“Oh, oh ja!”
“Sie kommt. Sie kommt auf mir. Meine Finger tief in ihr. Ich sehe sie von unten an, ihr Kopf nach hinten geworfen, der Hals durchgestreckt, als würde sie den Mond anheulen. Blaue Adern zeichnen sich unter ihrer Haut ab, pochen im gleichen Takt, in dem sie sich um meine Finger schließt. Mit ihren letzten Lauten bricht sie zusammen, weich und schlaff in meinen Armen. Ich fange sie auf, halte sie fest, küsse ihre heißen Wangen. Ich explodiere fast. Unglaublich, so unglaublich.”
“Vorsichtig hebe ich sie von mir herunter, lege sie behutsam auf den Rücken. Sie atmet noch immer schwer. Langsam beuge ich mich über sie, lasse meinen Blick über ihr Gesicht gleiten. Ihre Wangen sind gerötet, ihre Stirn glänzt im Schimmer des schwachen Lichts der Abenddämmerung und ihr Haar liegt wie ein weiches Nest um ihren Kopf. Ihre Augen sind geschlossen, noch gefangen in jener anderen Welt, in die sie gerade katapultiert wurde. ”
“Ob es sich für sie ein bisschen so anfühlt wie beim Lesen ihrer Bücher? Ein Entrinnen aus der Wirklichkeit? Doch dann öffnet sie die Augen. Sie funkeln wie Sterne. Ihre Lippen sind leicht geöffnet, bevor sich ein Lächeln über sie legt. Sie zieht mich an sich, und unser Kuss brennt sofort wieder, genau so heiß, tief und verlangend wie zuvor.”
“Ich spüre ihre Hände an meiner Hose. Entschlossen, suchend. Das Prickeln schießt durch meinen ganzen Körper, als sie mich durch den Stoff berührt.”
Ich bin noch benommen, schwebe zwischen Nachhall und Leichtigkeit, als hätte sich eine unsichtbare Last von mir gelöst. Endlich kann ich wieder atmen. Frei. Doch es reicht mir nicht. Ich will mehr. Ich will ihn spüren. Ihn fühlen. Ihn wirklich erkennen, nicht mit Worten, sondern mit meinem Körper. Wie von selbst finden meine Finger seine Gürtelschnalle. Sie lösen sie flink, dann die Knöpfe, den Reißverschluss, und ehe ich bewusst realisiere, ist er befreit. Für einen Moment zieht er sich zurück, nur um im nächsten Herzschlag nackt und himmlisch schön über mich zurückzukehren.
Genauso schnell wie er sich selbst entkleidet hat, macht er mit mir weiter: Der dünne Reißverschluss meines Rocks gibt nach, und mit einem einzigen, sanften Ruck zieht er das letzte Stück Stoff mitsamt meiner Unterwäsche fort. Er wirft es achtlos zur Seite, ohne ihm nachzusehen. Unsere Augen sind ineinander verankert, gehören nur uns und unseren nackten Körpern. Oh, er kommt tiefer, legt sich auf mich, seine Haut schmiegt sich warm an meine. Ich kann es kaum glauben. So oft habe ich von diesem Moment geträumt, habe mich nicht getraut, ihn wirklich zuzulassen, und doch hat er mich immer wieder eingeholt. Aber jetzt, jetzt ist er hier. Echt. Greifbar. Keine Vorstellung mehr, sondern Wirklichkeit. Seine Hand streicht über mein Gesicht, sein Mund findet meinen, sein Herzschlag hämmert gegen meine Brust.
Und dann, dann bewegt er sich ein Stück nach vorne, seine Härte reibt gegen die feuchte Stelle zwischen meinen Beinen. Ein Schauer rauscht durch mich. Alles in mir schreit nach ihm. Ich will es. Jetzt.
“Sie ist so wunderschön, ich muss mich zusammenreißen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Wir haben nur diesen Moment, jede Sekunde zählt. Ich löse mich aus unserem Kuss und sehe sie an, tief. Ein Moment voller Stille, voller Erwartung, voller Ehrfurcht. Dann greife ich zwischen uns, berühre sie kurz, nehme dann meine Erektion in die Hand und positioniere sie vor ihrem Eingang. Sachte gleite ich einmal durch ihre Mitte, befeuchte meine Spitze, bevor ich ganz langsam und vorsichtig in sie eindringe.”
“Oh ja, das fühlt sich so gut an.”
“Du fühlst dich gut an.”
Ich spüre ihn, wie er mich ganz ausfüllt, und es ist, als würde jede Faser meines Körpers erwachen. All die Gefühle, die sich in den letzten Wochen leise aufgebaut haben, brechen jetzt auf. Er bewegt sich sanft, im Rhythmus meines Herzens, und ich lasse mich treiben, erwidere jede Bewegung. Es ist ein Tanz, ein Fließen, ein Verschmelzen. Ich möchte lachen, weinen, einfach alles gleichzeitig und doch verweile ich einfach nur bei ihm, nur in diesem Moment. Mit jedem Herzschlag, mit jeder Bewegung werden wir immer weiter eins.
“Ich vergrabe mein Gesicht in ihrer Halsbeuge, atme ihren Duft ein. Mein Herz rast, mein Körper reagiert auf jede Regung von ihr.. Mein Becken verselbständigt sich, wird unkontrollierter. Ihr süßes Inneres umschließt mich, wie meine Finger vorhin zieht es jetzt an meinem ganzen Sein, ein unendlicher Sog, und ich will abtauchen, verschwinden, nie wieder weg von ihr. Meine Gedanken verlieren die Kontrolle, mein Körper übernimmt das Ruder und nimmt sich das, was er will. Ich strecke eine Hand aus, packe ihre Brust und als ich zudrücke, entweicht ihr ein tiefes Stöhnen, das mich zusammenzucken lässt.”
“Das Zucken vibriert bis in meine Eichel tief in ihrem Inneren und trifft anscheinend an den richtigen Punkt, denn auf einmal wird sie lauter. Und ihre Lust treibt meine an. Ein endloses Hochschaukeln der Begierde und wir werden schneller, lauter, hungriger.”
Sein Gewicht auf mir. Ich fühle mich geborgen, sicher, und gleichzeitig will ich ihm dasselbe geben, das er mir schenkt seit unserem ersten Brief. Jede Bewegung trifft genau den richtigen Punkt in mir, wie ein immer wiederkehrendes Glockenläuten, die Schwingungen klingen lange nach, sie hallen durch mich, erfüllen mich. Ich passe mich ihm an, fühle, wie wir miteinander verschmelzen, uns gegenseitig halten und stützen. Gleichzeitig reibt seine Leiste über den Auslöser meiner Lust, immer und immer wieder.
“Ich hab so lange darauf gewartet, dein Bild unzählige Male betrachtet, und jetzt sind wir endlich hier.”
“Oh, ich hab so lange auf dich gewartet. Endlich, wirklich, und jetzt bist du hier bei mir.”
“Ich will, dass dieser Moment nie endet, nur wir beide, im Hier und Jetzt.”
Schwer atmend, wie zwei Lokomotiven, die gerade zum Stillstand gekommen sind, liegen wir da. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen, meine Augen sind fest geschlossen. Ich will nicht aufwachen. Ich will nicht, dass dieser Moment endet.
Doch dann rollt er sich von mir, legt sich neben mich auf den kalten Holzboden und zieht mich auf seine Brust. Ich liege da, sein Arm umschließt mich fest, mein Ohr direkt über seinem Herzen. Ich höre, wie es schnell und laut gegen seine Brust pumpt. Ich bin so erfüllt, so glücklich, und trotzdem meldet sich dieses Gefühl, das ich die ganze Zeit unterdrückt habe. Ein Ziehen, ein Kneifen, die Angst vor dem, was kommt. Vor der unmittelbaren Trennung. So nah und doch so zerbrechlich. Dieses Ziehen, dieses leise Stechen, die Angst, dass alles wieder endet, dass wir uns trennen müssen. Meine Hand liegt auf seiner Brust, automatisch balle ich sie zu einer Faust. Ich will ihn festhalten, will, dass er bleibt.
Und dann spüre ich seine Hand, wie sie sich um meine schließt. Meine Faust öffnet sich, und unsere Finger verhaken sich ineinander, er streicht sanft über mein Haar, küsst meinen Kopf.
Ich schließe die Augen und eine einzelne Träne rollt heiß über meine Wange, bis sie auf der Stelle über seinem Herzen landet.
“Anna, seit unserem letzten Tag ist so viel Zeit vergangen. Es ist kalt geworden, die Bäume haben ihre Blätter verloren, der Winter naht. Ich habe nichts von dir gehört. Kein Wort. Nur das Gewicht deiner Abwesenheit liegt auf mir, schwerer als alles, was ich bisher gespürt habe. Ich halte die kleine Kette in meiner Hand, den Schlüssel, den du mir damals gegeben hast. Ich trage sie immer bei mir, zwischen meinen Fingern, umfasse das warme Gold, als könnte ich so einen Teil von dir festhalten, der mir sonst entgleitet. Ich erinnere mich an diesen Tag, als du den Schlüssel in die Holztür zur Bibliothek geschoben hast und wir in unsere eigene Welt entflohen sind. Ich verliere mich immer wieder in dieser Erinnerung. Ich habe dir unzählige Briefe geschrieben, habe nach Wegen gesucht, dich wiederzusehen, doch es war und ist unmöglich, die Grenze zu überqueren.”
“Denkst du noch an mich? Ich wünschte, es wäre anders, ich wünschte, es wäre nicht diese gottverdammte Mauer zwischen uns, ich wünschte, wir könnten uns sehen. Aber dann denke ich wieder an die Worte von Saint-Exupéry, und ich weiß: wenn wir nach vorne schauen, dann wird alles gut, denn Liebe besteht nicht darin, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in die gleiche Richtung blickt. In Gedanken bei dir auf dem Dachboden, zwischen den Schatzkisten voller Bücher, Dein Jonas ”
Jonas, ich bekomme keine Briefe mehr von dir. Alles, was ich schreibe, verhallt im Nichts. Ich fühle mich leer, als hätte jemand den Raum aus meinem Herzen gesogen. Ich kann nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben, nichts hilft. Ich befürchte, unsere Briefe werden geöffnet. Jeder einzelne. Sie wissen, was passiert ist. Was wir getan haben. Jeden Tag habe ich Angst, dass sie an meine Tür klopfen. Oder schlimmer, dass sie längst an deiner geklopft haben. Dass du fort bist. Für immer. Aber inmitten dieser Angst denke ich an uns. An unseren Tag. An unsere kleine Welt, in die wir gemeinsam entflohen sind. Das goldene Licht, der Dachboden, die beschlagenen Fenster. In dieser Erinnerung lebe ich weiter. Da bin ich bei dir. Da bist du bei mir. Und doch, irgendetwas verändert sich.
Die Welt ist im Wandel. Ich spüre es im Wasser. Ich spüre es in der Erde. Ich rieche es in der Luft. Vielleicht, nur vielleicht, ist bald alles anders.
“Und nun ein kurzer Blick auf das Wetter: In Berlin bleibt es heute Abend kühl und trocken, bei Temperaturen um die fünf Grad.”
“Es ist ein Abend, wie ihn kaum jemand für möglich gehalten hätte. Seit Stunden schon strömen die Menschen zu den Grenzübergängen. Es herrscht eine Spannung in der Luft, wie sie kaum in Worte zu fassen ist. Die Nachricht wird sich bald wie ein Lauffeuer verbreiten. Menschen sammeln sich an der Mauer, klettern hinauf. Grenzen, die gestern noch unüberwindbar schienen, fallen heute Stein für Stein. Ein historischer Moment, mitten in dieser Nacht, mitten in Berlin. Die Welt hält den Atem an.”
“Jonas.”
“Anna.”